Warum ich råbowls gegründet habe
Ich habe råbowls nicht gegründet, weil ich einfach ein Restaurant eröffnen wollte.
Ich habe råbowls gegründet, weil ich nicht glauben wollte, dass schnelles Essen automatisch ungesund sein muss. Weil ich in der Innenstadt etwas vermisst habe, das schnell geht, gut aussieht und wirklich Energie gibt.
Vielleicht auch, weil ich schon immer schlecht darin war, Dinge einfach so hinzunehmen.
Ich bin Till Constantin Lagemann. Als diese Geschichte begann, hatte ich viel Idealismus, wenig Erfahrung und den starken Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen.
Aufgewachsen zwischen Deutschland, Brasilien und den Niederlanden
Ich wurde in Hamburg geboren. Meine Kindheit und Jugend fanden zwischen Deutschland, Brasilien und den Niederlanden statt.
Mein Vater kommt aus Uruguay, meine Mutter aus Deutschland. Ich bin also früh zwischen Sprachen, Kulturen und verschiedenen Arten zu leben aufgewachsen. Brasilien war warm, offen, spontan und emotional. Die Niederlande waren direkter, strukturierter und pragmatischer. Deutschland fühlte sich oft präzise, ernst und manchmal auch etwas schwer an.
Als Kind ist so ein Leben nicht immer einfach. Alle paar Jahre musste ich neu anfangen. Neue Schule, neue Sprache, neue Freunde, neues Umfeld. Heute weiß ich, dass genau das mich geprägt hat.
Eigentlich wollte ich etwas Kreatives machen
Schon früh war klar, dass ich kein Mensch bin, der gut in starre Systeme passt.
An meiner internationalen Schule in São Paulo hatte ich die Freiheit, kreative Fächer zu wählen. Ich beschäftigte mich intensiv mit Fotografie, Grafikdesign und Film. Ich produzierte Kurzfilme, entwickelte visuelle Konzepte und war fasziniert davon, wie Bilder, Räume und Marken Gefühle auslösen können.
Eigentlich wollte ich Film oder Design studieren.
Aber gleichzeitig wusste ich: Ich will irgendwann mein eigenes Projekt aufbauen. Nicht nur für andere gestalten, sondern eine eigene Welt erschaffen. Eine Marke, die nicht nur schön aussieht, sondern eine Haltung hat.
Deshalb entschied ich mich für International Business in den Niederlanden. Nicht, weil ich besonders viel Freude an Buchhaltung oder Excel hatte, sondern weil ich verstehen wollte, wie man Ideen in die Realität bringt.
Der Moment, in dem ich wusste: Ich muss gründen
Während meines Studiums machte ich Praktika in Unternehmen und Agenturen. Und ehrlich gesagt: Ich war unglücklich. Ich saß in Büros, in Meetings, vor Tabellen und Bildschirmen. Alles war organisiert, professionell und sicher. Aber ich fühlte mich innerlich leer.
Ich merkte, dass ich nicht dafür gemacht bin, jeden Tag in ein System zu gehen, das mir sagt, wann ich kreativ sein darf, wann ich essen darf und wann ich wieder nach Hause gehen darf.
Ich brauchte Bewegung. Freiheit. Risiko. Echtheit. Mir wurde klar: Wenn ich nicht selbst etwas aufbaue, werde ich langfristig nicht glücklich.
die erste idee: eine moderne salatbar in groningen
Während meines Masters in Groningen erzählte ich einem Bekannten von meiner Idee: ein Ort, an dem man gesund essen kann, aber schnell. Frische Zutaten, schöne Farben, schnelle Abläufe und ein modernes Gefühl.
Die erste Version hieß „rå – økologisk salatbar“. „rå“ bedeutet auf Dänisch „roh“ und passte perfekt zu meiner Vision: Klarheit, Natur, Minimalismus und gesunde Ernährung.
Mit 21 unterschrieben wir den Mietvertrag für unseren ersten Laden. Keine Gastronomieerfahrung, keine Investoren, kein großes Team. Aber viel Energie.
Wir bauten fast alles selbst: Möbel, Menü, Logo, Fotos, Social Media, Marketing. Nach zwei Monaten war unser Geld fast aufgebraucht. Trotzdem mussten wir eröffnen.
Die Presse schrieb über uns, die ersten Kunden kamen, und ich spürte: Da ist etwas.
Doch hinter den Kulissen war es brutal. Unser Konto war leer, unser Bio-Lieferant sperrte uns, und wir brachten Pfandflaschen zurück, um Gemüse für den nächsten Tag zu kaufen.
Morgens Küche, mittags Service, abends putzen, planen, schlafen. Am nächsten Tag wieder von vorne.
Von Groningen nach Hamburg
Nach zwei intensiven Jahren wurde klar: Wenn das Konzept eine Zukunft haben sollte, musste es größer, urbaner und professioneller werden.
Ich sah das Potenzial in Städten mit Büros, Coworking Spaces, Agenturen und Menschen, die mittags etwas essen wollen, das Energie gibt statt müde macht.
Hamburg fühlte sich dafür richtig an. Die Stadt, in der ich geboren wurde, aber nie wirklich gelebt hatte.
Wir entwickelten einen Businessplan, beantragten einen Kredit über die Hamburgische Investitions- und Förderbank und bekamen tatsächlich die Finanzierung für unseren ersten Hamburger Standort am Gänsemarkt.
Es war keine einfache Zeit für Gastronomie. Aber ich glaubte daran.
Hamburg brauchte gesundes Fast Food, das nicht nach Verzicht aussieht: Bowls, die satt machen, leicht bleiben und in einen modernen Arbeitsalltag passen.
Gänsemarkt: der erste große Schritt
Der Standort am Gänsemarkt war ein riesiger Schritt. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Groningen, sondern um Hamburg Innenstadt, hohe Mieten, deutsche Behörden und eine professionellere Zielgruppe.
Wir lernten schnell: Gründen in Deutschland braucht nicht nur Mut, sondern auch eine enorme Frustrationstoleranz. Bauvorgaben, Genehmigungen, Nutzungsänderungen, Beschilderung. Immer wieder fühlte es sich an, als würde das System junge Unternehmer eher bremsen als unterstützen.
Dabei wollte ich nichts Spekulatives aufbauen. Ich wollte gesundes Essen verkaufen, Arbeitsplätze schaffen und eine schöne Marke entwickeln.
In dieser Zeit machte ich fast alles selbst: Produktfotos, Website, Werbematerialien, Menüentwicklung, Storeplanung, Kampagnen, Instagram-Texte und Gespräche mit Lieferanten, Banken, Vermietern und Partnern.
Wenn du heute in einem unserer Stores sitzt, steckt in fast jedem Detail eine Entscheidung, die ich irgendwann selbst getroffen habe: Farben, Holz, Licht, Menünamen, Fotos, Sprache, Musikgefühl und Bowl-Aufbau.
Ich wollte nie einfach nur Essen verkaufen. Ich wollte ein Gefühl bauen.
Ahsan: vom Fahrer zum Schlüsselmenschen
Während der Eröffnung unseres ersten Stores am Gänsemarkt lernte ich Ahsan kennen. Er bewarb sich ursprünglich als Fahrer. Heute ist er einer der wichtigsten Menschen bei råbowls.
Ahsan kommt aus einem kleinen Dorf in Pakistan. Er hat seine Familie verlassen, ist alleine durch die Welt gereist, hat gearbeitet, gelernt, gekämpft und sogar eigene Geschäfte aufgebaut. Er ist ein echter Hustler. Einer dieser Menschen, die nicht viel reden müssen, weil man ihre Energie sofort spürt.
Er wurde schnell viel mehr als ein Mitarbeiter. Er wurde ein Partner im Alltag. Ein Freund. Jemand, der den Store drei Jahre lang mit einer unglaublichen Verlässlichkeit geführt hat. Ohne ihn wäre vieles nicht möglich gewesen.
In einer Gründerreise spricht man oft über Vision, Strategie und Wachstum. Aber am Ende sind es Menschen wie Ahsan, die dafür sorgen, dass eine Idee wirklich lebt.
Gorillas, EDEKA und die Skalierung
Nach dem Start in Hamburg probierten wir viel aus. Wir verkauften viele Bowls über Gorillas. Wir belieferten fünf Premium-EDEKA-Märkte. Wir hatten sogar ein Shop-in-Shop-Konzept bei EDEKA in der Hafencity.
Plötzlich standen unsere bowls nicht mehr nur in unseren eigenen Stores, sondern auch im Handel. Menschen konnten unsere Bowls beim Einkaufen mitnehmen. Wir bekamen Sichtbarkeit, Reichweite und den Beweis, dass es Nachfrage gab.
Aber wir lernten auch die harte Seite von Retail kennen. Die Margen waren niedrig. Die Prozesse kompliziert. Die Abhängigkeit von großen Partnern hoch. Und je mehr wir skalierten, desto mehr merkte ich: Nicht jeder Wachstumspfad ist der richtige.
Trennung, Unsicherheit und der Schritt zum Rathaus
Später trennten sich die Wege mit meinem damaligen Geschäftspartner. Der frühere Laden lief unter Rå und war noch eine andere Phase: roher, studentischer, weniger klar positioniert. Danach entstand für mich etwas Eigenes: råbowls.
Mit neuer GmbH, neuer Verantwortung und einer klareren Vision. Der Store am Rathaus wurde deshalb mehr als nur ein weiterer Standort. Er war ein Neuanfang. Ein Beweis, dass aus Rückschlägen etwas Reiferes entstehen kann.
Heute ist råbowls für mich kein klassisches Bowlkonzept. Es ist meine Antwort auf die Frage: Wie kann Fast Food besser werden?
Was ich gelernt habe
Ich habe gelernt, dass Gründen nicht so romantisch ist, wie es von außen aussieht. Es ist oft einsam. Es ist oft chaotisch. Man zweifelt ständig.
Man fühlt sich persönlich getroffen, wenn Verkäufe sinken, wenn Partner enttäuschen, wenn Behörden blockieren oder wenn etwas nicht funktioniert.
Aber ich habe auch gelernt, dass man an Krisen wächst. Dass eine Marke nicht nur durch Erfolge entsteht, sondern durch Rückschläge. Und dass Menschen echte Geschichten spüren.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum råbowls bis heute existiert. Weil es nicht am Reißbrett entstanden ist. Sondern aus Hunger, Überforderung, Idealismus, Angst, Mut und einem sehr ehrlichen Wunsch, etwas zu verändern.
und nun?
Heute arbeite ich als Startup Coach beim NXT LEVEL ACCELERATOR by nxt milestone.
Dort begleite ich Gründerinnen und Gründer in einem 10-wöchigen Programm dabei, aus Ideen echte Traktion zu entwickeln: Geschäftsmodelle schärfen, Marken aufbauen, den Markt testen und gezielt wachsen.
Gleichzeitig arbeite ich mit einem Partner aus Hamburg an yumate, einem neuen Food-Startup rund um Yerba Maté. Auch dort geht es wieder um viele Fragen, die mich schon bei råbowls begleitet haben: Produkt, Marke, Positionierung, Vertrieb und die Frage, wie aus einer Idee echte Nachfrage entsteht.
Vielleicht ist genau das die schönste Entwicklung meiner eigenen Reise: Dass aus all den Umwegen, Rückschlägen, Fehlern und Lektionen heute etwas geworden ist, das ich weitergeben und gleichzeitig neu anwenden kann.